Der Flug nach Vaskojoki im Jahr 1971

Am Anfang Juli im Jahr 1971 flogen wir (ich, meine Frau Marianne und Uula) mit einem kleinen Flugzeug Cessna von Inari nach Siikajärvisee, das 100 km von Inari entfernt liegt. Die Armbanduhr zeigte 9.00 Uhr. Der Flieger hieß Erkki Jaakkola. Jaakkola war in der Kriegszeit geflogen wie ungezählte andere finnische Kampflieger, von denen der Krieg Gehorsam forderte. Er war geflogen, ohne dass man ihm die Worte Mut und Tapferkeit anzuhängen brauchte.

Jetzt flog er berufliche was zu fliegen war. Jaakkola hatte mir früher erzählt, dass es diese Kriegszeit war, was in seinem Fliegerleben hieß, gefährlich leben. Gerade für sie, die Tag für Tag starten mussten, auch wenn alles "im Dreck" hing, wenn alle bösen Elemente der Natur sich gegen die Fliegerei verschworen hatten.

Als wir an diesem frühen Morgen ins Flugzeug stiegen, waren wir alle, wenn es zum Einsatz ging, sehr still. Als hätte die Atmosphäre über Juutuafjord einen Anfall von Ausgelassenheit bekommen, so schien es uns allen. Eine Wolkentasche hing über der Inarisee, fern und weit und ultrarote Farben, den jungen Morgen besonderen Glanz verleihenden. Der Erden scheinbar tiefer Friede, der Umgebung scheinbar große Feierlichkeit ist durch den aufbrüllenden Motor unseres Flugzeuges aufgeschreckt. Die Wolkenutergrenze war 600 Meter. Das Flugzeug wälzt sich in einer Turbulenz, macht einige Sätze, nahezu bis den Oberfläche des Sees.

Um 9 Uhr gleitet das Flugzeug über die Startbahn. Rennt, kommt ab, berührt noch einmal das Wasser. Wir fliegen. Es nieselt und fieselt. Unter uns der Fjord, an beiden Seiten Wälder und unzählige Seen. Nun flogen wir über den Inarisee. Hier musste noch Juutuanjokifjord unter uns sein. Dann wenden wir uns in Richtung Angeli.

Wir flogen unter den Wolken über eine große, heimlich weite Wildnis. Das war wie eine grenzenlose Ödemark. Die Motoren der Cessna, das pochen des Riesenvogels, tobten in beruhigender Regelmäßigkeit. Im Norden sahen wir die Muotkatunturi Bergspitzen. Das unerschöpfliche Panorama dieser Bergwelt, der hier versammelten Riesen, war bedrückend, einmalig, bezwingende Umgebung des Inari. Die Welt ist schön. Und wir staunen über ihre Schönheit aus unserem Flugzeugsitz. Denn über dieser Landschaft, wo sich sonst die Regenschauer schlagen, wölbte sich, sonntagsfeierlich aber mit ein paar zarten Rosenwölkchen beflockt, der Himmel. Ich dachte, der liebe Gott sei von hier nicht mehr weit. Die Wolken sind durch feuert von einigen Sonnenstrahlen, Die oberen Ränder der Wolken kleiden sich in rasenden Farben, grünlich und zart rötlich. Die Strahlen der Sonne tanzen. Aber der Landschaft giert förmlich nach der einsamen, winzigen, lächerlich winzigen Maschine. Wir sind vielleicht 20 km vom Inari entfernt. Nach 25 Minuten Flug sagte Jaakkola sein erstes Wort. So sparsam ist er geworden. Er sagte: ein wechselhaftes Flugwetter. Dann war er wieder stumm, horchte auf den Klang der Motoren.

Nach dem Dorf Tirro standen an beiden Seiten des Flugzeuges die Bergspitzen, Marasto und Muotkatunturi. Die Großartigkeit einer solchen landschaftlichen Erscheinung können wir zusammen erleben. Aber die Cessna raste über das Marastogebirge, das von einer Kraft geformt zu sein scheint, die aus den Tiefen kommt. Die Maschine sank hinunter, die Landschaft schwamm wie ein gründlicher Klumpen. Die Augen klebten an den Bergen. die Maschine schüttelte in Böen. Unter uns sieht man weitgeschwungene Täler. Danach Hunderte von Renntieren an der andere Seite wie Denkmalfiguren auf dem Berg. Das Flugzeug, fünfzig Meter hoch über sie rasend, störte sie nicht. Der Vaskojoki Fluss war wieder unter uns: über dem Fluss fliegt es sich besser. Ein Regenschauer wischt gegen die Maschine. Auf dem Glas werden scharfe Diagonalen gezeichnet. Nur noch im letzten Augenblick nicht gegen die Berge knallen.

Nach dreißig Minuten Flug zu mir niederbückend zeigte Jaakkola durch das Fensterchen nach steuerbord voraus: "Da"! Jeder Flieger wird, wenn er nicht eine absolut prosaische und sachliche Natur ist, auch bei solchen Flügen das Wunder gewahren. Das Wunder war in diesem Augenblick ein mächtiger Regenbogen vor uns. Ich habe so etwas nie zuvor gesehen. Die Erscheinung am Himmel wuchs, wir beugten uns zum Fensterchen, wie ein himmlisches Mysterium in Bogenform rund um den fernen Horizont. Ein Wunder, kaum zu begreifen, vor uns etwas Unfassbares. Wir waren längst über den Vaskojoki Fluss mit seinen Seen. Unten uns lag jetzt, ich glaubten es zu erkennen, tief, niedrig, blau, schwarz und drohend, der Vaskojoki Fluss mit seinen Seen. Hauchdünn, locker schwebend, Fetzen mehr als geschlossene Decke, waren Wolken zwischen uns und den Fluss geschoben. Die Uhr zeigte 9.35.

Plötzlich flogen wir durch Wolkenfetzen, die Maschine wurde unruhig. Die Flächen schoben sich in diesen milchigen Nebelbrei, und es schien, dass sich die Maschine quälen müsse, hindurch zu stoßen. Wie ein boshaftes Tier schob sie sich hinein, für Sekunden wieder hinaus, um dann von neuem den Ansturm zu wagen gegen neue Wolkenfetzen. Der brausende tiefe Orgeleton der Motor war gewaltig und wild. Ab und zu sah ich die träge nach Westen ziehenden Schollen des Treibeises. Siikajärvi konnte nicht fern sein.

Plötzlich schrieJaakkola in die Sprechanlage, und die Worte waren jedem wie ein Kanonenschuss eingegangen: "Da unten liegt Siikajärvi!" Das Flugzeug machte einen bedenklichen und bedrohlichen Satz. Ich erblickte durch das Plexiglas das Vaskojoki Tal und sehe deutlich, jene rührend getreuen Landschaften, von denen mir noch Ladnjaoaivi und Marasto den Namen nach geläufig waren. Ich erblickte die matt leuchtende Bergspitze, die wie ein magisches Sternbild zu leuchten anhebt. Ich lausche in mich hinein. Ist da doch eine unausgesprochene Frage:"Hast du Angst? Schwatz nicht so dumm!. Irgendwie ist Angst im mir. Verwirrt hören wir den Tumult der Motor. Als wir vorbei an Koskenniska flogen wuchs in diesem Augenblick vor uns mit der violetten Wolke ein mächtiger Kumulusballen aus den flatternden Wolkenbergen, die zu Haufunser Blickfeld umsäumten. Die Wolken sahen aus, als bargen sie, im Inneren ein Licht von unvorstellbarer Magie, obgleich, wenn man es physikalisch betrachten wollte, die Sonne Urheber war. Sie allein schickte ihre Strahlen auf die Wolke, durchleuchtete sie über alle vertrauten Masse hinaus. Schein und Widerschein hafteten auch dem Kumulusballen an, der zur vollkommenen Herrschaft über das Bild geworden war. Diese Wolkenerscheinung war für uns das Ewige gewesen. Einsam und still waren wir alle, denn das Bild was die Wolke in unsere Herzen geworfen hatte gab uns die Antwort auf die Frage: was ist wunderbar?

Wenn der Blick nach draußen geht und die Augen sich weiten, steht Siikajärvi vor den Scheiben. Nur der fahle Widerschein der Tageshelle ist ein Element der Belebung. Es ist 9.40 Uhr. Um diese Stunde war es, als das Schauspiel des Morgens begann. Im Osten hub ein inneres, ich möcht sagen unmerkliches Leuchten und Glänzen an. Unter uns der Vaskojoki und an beiden Seiten Ödemark, von tiefer schwärzlich-grünlicher Grundfarbe, wie in einem Tiegel laufend, silbrig und feurig, sich an den Wellenkämmen brechend, das Tageslicht. Unermesslich ist die Stunde. Ich schreibe auf; Verkündung des Morgens, Schauspiel des Morgens über der Wildnis. Wir vier Menschen in der Verlorenheit des Flugzeuges. Ich sagte später zu meiner Frau Marianne, dass ich sie in einem neu entdeckten Weltgebäude sehe. Wir verklären es poetisch, wissen aber der Erscheinung keinen anderen Namen zu geben.

Als die Maschine die Bergspitzen erreicht hatte, kam eine dicke Wolke heran, die sich zunächst als hauchdünnes, halb dunstig amorphes, halb zart flatterndes Gebilde erwies. Dann prasselte plötzlich harter Graupelschlag gegen die Maschine, dann wischt ein Regenschauer gegen die Scheiben, und endlich war es ein unentwirrbarer faseriger Nebel, durch den das Flugzeug höher und höher stieg. Plötzlich wurde der Fluss Vaskojoki unter uns sichtbar. Sehr hohe Stromschnellen, hohe Wellenberge, von dichten Schaumstreifen überflogen, waren zu sehen. Am Flusslauf konnte man die Stärke des Flusses ablesen. Diese Wellenberge unten im Fluss zeigten uns seine große Stärke. Ich wunderte mich warum das Wetter hier oft so wechselvoll ist?

Jaakkola wusste zu erklären, dass das was wir als Wind, also als Versetzung der Luftmassen wahrnehmen, auf die Warme von der Sonne, auf den Luftausstausch zwischen warmen und kalten Teilräumen der Atmosphäre zurückzuführen ist.

Als wir auf dem Siikajärvi landeten, Jaakkola noch am Knüppel sitzend, als das Flugzeug schon abgestellt war, sagte er seinen vierten Satz seit dem Start. Lapidar und sachlich sagte er: „ein wechselhafter Flug von Inari nach Siikajärvi.“ Wir danken Jaakkola: "So einen Morgen haben wir noch nie gesehen".

Als das Flugzeug zurück flog, konnte man die Einsamkeit buschtäblich. Diese Einsamkeit ist nicht identisch mit der Stille. Sie ist Wind und Stille, Totenstille, Sturm und Regenschauer in der Ödemark. Auch die Renntierzüchter, die manchmal mit ihren Herden vorbeiziehen, personifizieren sie. Auch der Krähenschwarm. Auch der irgendwo am Holz der Lager nagende Lemming, das verdammte Biest. Den Berg ständig sehen zu müssen. Es geht auf Mitternacht zu. Draußen scheint die Sonne. Die Rinde der Birken ist von einem seltsamen Silberglanz, der mit dem milchigen Sonnenlicht gleichzeitig schimmert.